Der römische Limes im Rhein-Lahn-Kreis

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Statistik und Daten:

2. – 3. Jahrhundert: Bau des Limes zwischen dem römischen Reich (Provinzen Germania superior und Raetia) und dem freien Germanien
Länge: 550 km

Verlauf: Bad Hönningen (Rhein) bis nach Abensberg (Donau) über Arzbach – Bad Ems – Schweighausen – Pohl – Holzhausen – Saalburg – etc.

Türme: ca. 900 sind nachgewiesen. Original erhalten: keiner. Einige Rekonstruktionen, darunter im Rhein-Lahn-Kreis: Arzbach, Wintersberg 

Kleinkastelle: Viele

Große Kastelle: Über 60 so genannte Kohortenkastelle. Komplett rekonstruiert (um 1900): Kastell Saalburg im Taunus

Reste des Limes und zugehöriger Anlagen: In weiten Abschnitten noch gut sichtbar erhalten. „Herausragendes Bodendenkmal“
 

Aktivitäten: Frühjahr 2003: die vier Bundesländer Rheinland-Pfalz, Hessen, Bayern und Baden-Württemberg reichen den Antrag ein, den Limes als Weltkulturerbe unter den Schutz der UNESCO zu stellen.

Limes im Rhein-Lahn-Kreis: 6 Prozent des gesamten Limes, ca. 33 km = 44 Prozent des Limes in Rheinland-Pfalz (von 75 km). Nach der Bezeichnung der Reichslimeskommission: der südliche Abschnitt der Limesstrecke 1 vom Rhein über die Höhen am Rand des Westerwaldes bis zur Lahn mit denzugehörigen Wachtposten 1/82 bis 1/93 sowie ein großer Teil der Limesstrecke 2 von der Lahn über den Taunus bis zur Aar, einem Nebenfluss der Lahn, mit den Wachtposten 2/1 bis 2/34. Auf seiner Strecke durch den Rhein-Lahn-Kreis passiert der Limes die Gemarkungsgrenzen von 19 Stadt- und Ortsgemeinden. Er verläuft durch Landschaften mit unterschiedlicher Flächennutzung.

Im Rhein-Lahn-Kreis 53 Prozent der Limestrasse in Waldgebieten 37 Prozent in landwirtschaftlich genutztem offenen Gelände10 Prozent unter bebauten Siedlungsflächen. Dementsprechend unterschiedlich ist der Erhaltungszustand des Limes. Nahezu vollständig zerstört sind die Überreste des Limes in den heute bebauten Siedlungsflächen der Städte und Dörfer. In den Acker- und Wiesenflächen ist der Limes fast überall eingeebnet. Seine Spuren sind aber im Boden noch vorhanden, doch durch die moderne Flurbereinigung und das Tiefpflügen schwinden sie immer mehr. Die am besten erhaltenen Limesabschnitte finden sich naturgemäß in den alten Waldgebieten. Hier sind Wall und Graben, die Schutthügel der Wachttürme und einige Umwehrungen der Kastelle noch gut erkennbar erhalten. Durch Limeswanderwege sind sie leicht zugänglich. Entlang der Wanderwege trifft man dabei nicht nur auf die Hinterlassenschaften der römischen Grenzbefestigung, sondern auch auf zahlreiche kulturhistorische Zeugnisse anderer Epochen wie z. B. eisenzeitliche Grabhügelfelder, mittelalterliche und frühneuzeitliche Landwehren und Wildbanngrenzen, Hohlwege, Kohlenmeilerplätze und alte Steinbrüche.

Ausbau und Funktion:

90 - 100 n. Chr. Bauphase 1: Waldschneise mit einem Patrouillenweg. Dieser wurde von Holztürmen aus überwacht, die an markanten Geländepunkten aufgestellt waren und Sichtverbindung untereinander hatten.

Um 130 Bauphase 2: Erstmals eine geschlossene Grenze. Vor dem Weg und den hölzernen Wachttürmen ein durchgehender, etwa 3 m hoher Palisadenzaun. Nur noch einzelne, kontrollierte Durchlässe, in der Regel für die Überlandwege.

Ab ca. 170 Bauphase 3: Holztürme nach und nach durch Steintürme ersetzt; die Palisade blieb bestehen.

Wende vom 2. zum 3. Jh. Bauphase 4: Etwa 2,5 bis 3 m tiefer Spitzgraben zwischen der Palisade und den Türmen ausgehoben und der Erdaushub dahinter zu einem etwa 3 m hohen Wall aufgeschüttet (Obergermanien).

Gleichzeitig: Holzpalisade durch eine etwa 3 m hohe Mauer ersetzt (am raetischen Abschnitt) 

Verteidigung der Grenze: Hilfstruppen (auxilia), rekrutiert aus der Bevölkerung der Provinzen. Einheiten zwischen 100 und 1000 Soldaten unter Führung römischer OffiziereTruppe jeweils aus rund 500 Soldaten Infanterie (cohors) oder Kavallerie (ala), mitunter auch aus einer gemischten Einheit (cohors equitata).

Kasernen: in unterschiedlich großen, befestigten Kasernen untergebracht, den so genannten Kastellen

Kastelle: anfangs in Holz-Erde-Technik gebaut und wurden später durch Steinkastelle ersetzt.

Auxiliarkastelle: Fläche von 0,6 bis 6 Hektar nahe am Limes oder etwas zurückversetzt im Hinterlandrechteckiger Grundriss mit abgerundeten Ecken,  von einer Mauer und davor von einem oder mehreren Gräben umgeben. Zusätzlichen Schutz boten seitliche Tortürme sowie häufig Eck- und Zwischentürme in der Mauer.

Straßenführung, Anlage: Von den vier Toren aus führten die Kastellstraßen geradlinig in den Innenraum des KastellsIn der Mitte des Kastells lag ein großer Verwaltungsbau (principia) mit den Diensträumen des Kommandanten, der Waffenkammer, der Truppenkasse und dem Raum für die kultisch verehrten Truppenstandarten. Daneben standen das Wohnhaus des Kommandanten (praetorium) und die Magazin- (horrea) und Werkstattbauten (fabricae) und manchmal ein Lazarett (valetudinarium). Im vorderen und hinteren Teil erstreckten sich die rechteckigen Mannschaftsbaracken der Soldaten (centuria), die Pferdeställe (stabula) und Schuppen.

Umgebung: In unmittelbarer Nähe des Limes an Durchlässen wichtiger Überlandwege oder dort, wo durch zu große Entfernung zum nächsten Auxiliarkastell eine Lücke geschlossen werden sollte, wurden zudem kleinere Wehrbauten errichtet. In diesen Kleinkastellen mit nur einem Tor und einem umlaufenden Graben konnte eine Besatzung zwischen 20 und 30 Soldaten entweder dauerhaft oder nur bei Bedarf zur zusätzlichen Verstärkung der Grenze untergebracht werden.

Kastelldörfer (vici): Außerhalb der großen Kastelle entstanden oft ausgedehnte zivile Kastelldörfer (vici), in denen sich die Angehörigen der Soldaten sowie Händler, Handwerker und Gastwirte, die von der Wirtschaftskraft der Soldaten lebten, angesiedelt hatten. Zu den großen Kastellplätzen gehörten fast immer auch eine Badeanlage, öffentliche Bauten, Heiligtümer und die außerhalb der Wohngebiete gelegenen Begräbnisstätten.

Sicherung der Provinzen: Durch Anlagen des Limes mit einem sorgfältig ausgebauten Straßennetz im Hinterland. Festlegung der Reichsgrenze. Signalsystem Massive Angriffe von Germanen wurden rechtzeitig von Turm zu Turm mit Feuer-, Rauch- und Hornsignalen bis zu den Kastellen weitergemeldet. Überwachung des grenzüberschreitenden Handelsverkehrs.

Aufgabe des Limes:

Bis zum 3. Jahrhundert n. Chr.: Für etwa 150 Jahre erfüllte der Limes seine Aufgabe sehr erfolgreich, denn unter der militärischen Herrschaft der Römer entwickelte sich im Hinterland des Limes eine blühende Wirtschaft durch Ackerbau, Viehzucht, Handel und Verwaltung. Schwächung der Grenzverteidigung durch politische, wirtschaftliche und militärische Krisen im Reich. Germanische Stämme durchbrachen wiederholt den Limes auf der Suche nach Beute und Siedlungsland.

259-260: Aufgabe des Limes und des rechtsrheinischen Territoriums nach den großen Germanenüberfällen. Neue Grenze: Rhein-Iller-Donau (Flussgrenze)

ab ca. 290: Unter Kaiser Diokletian mit neuartigen Verteidigungsanlagen gesichert. Neue Kastelle mit mächtigen Mauern (am Mittelrhein z. B. in Remagen und Boppard) dazwischen zum Schutz der Handelswege kleine Festungen (burgi) (Neuwied-Engers, Lahnstein), städtische Ansiedlungen erhielten schützende Stadtmauern (Andernach, Koblenz).


Erforschung:
Orts- und Flurnamen wie „Heidengraben“, „Pfahl“, „Pohl“ oder „Alte Burg“ erinnern an den Limes. Erste systematische Erforschung des Limes am Ende des 19. Jahrhunderts durch die Reichslimeskommission, die 1892 auf Anregung des Althistorikers Th. Mommsen gegründet worden war. Detaillierte Aufnahmen im Gelände, Bestimmung des genauen Verlaufs des Limes. Mehr oder weniger umfangreiche Grabungen in fast allen Limeskastellen.

1894 bis 1937: Ergebnisse wurden in dem großen Limeswerk „Der obergermanisch-raetische Limes des Römerreiches“ (ORL) von E. Fabricius, F. Hettner und O. von Sarwey herausgegeben, das bis heute mit seinen 14 Bänden ein Standardwerk darstellt. Einteilung des Limes vom Rhein bis zur Donau in 15 Strecken. Innerhalb der Strecken: Durchnummerierung der Wachttürme.

Nach dem Zweiten Weltkrieg: In den1950er bis 1970er Jahren: mehrere Limesabschnitte und vor allem ganze Kastellplätze großflächig überbaut und oft unbeobachtet zerstört. Auf denkmalpflegerische Belange wurde damals kaum Rücksicht genommen. Geringe Finanzmittel der Archäologischen Landesdenkmalämter für Personal und Gerät ließen auch kaum umfangreiche Grabungen zu.

Aber: Durch neue Grabungsmethoden und moderne Techniken wie die Luftbildprospektion konnten Kastellstandorte und Zivilsiedlungen genauer erforscht und weitere Militäranlagen und Gutshöfe im Hinterland entdeckt werden.

Sommer 2000: wurden für die Vorbereitung des Antrages an die UNESCO, den Limes als Weltkulturerbe zu erklären, umfassende Geländebegehungen am Limes durchgeführt. Mit der neuen detaillierten Dokumentation entstand ein Gesamtbild des Limes am Beginn des 21. Jahrhunderts, das in aller Deutlichkeit auch die stark fortgeschrittene Zerstörung des Limes aufzeigt. Fast drei Viertel aller archäologischen Verluste am Limes sind dabei bedauerlicherweise erst in der Zeit nach den Untersuchungen durch die Reichslimeskommission eingetreten. In dem Welterbe-Antrag sind deshalb Konzepte dargestellt, die die zukünftige Pflege des Bodendenkmals Limes und somit seinen langfristigen Bestandsschutz sicherstellen sollen, die aber auch die weitere Erforschung und eine denkmalverträgliche touristische Erschließung und Präsentation des Limes für die Öffentlichkeit ermöglichen.